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Der bedingt autoritäre Umgang mit dem Giersch

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben. Unser Autor Andreas Kathe hat Giersch. Wie er trotz wachsendem Unkraut einen sauberen, grünen Daumen im Lockdown behalten hat, verrät er hier.

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In diesen ziemlich viralen und zugleich oft genug virtuellen Zeiten sehnt man sich nach Handfestem. Glücklich, wer mit einem grünen Daumen versehen ist. „Grüner Daumen“? Nun, wer schon mal auf Knien im eigenen Garten herumgerobbt ist, um den unausrottbaren Giersch zumindest in engere Grenzen zu verweisen, weiß, was diese Redensart bedeutet: Schrubben, schrubben, schrubben, um der besten Ehefrau von allen wenigstens halbwegs saubere Finger präsentieren zu können.

Exakt von ihrer Seite kam ein Fingerzeig zur rechten Zeit: Das Büchlein „Der antiautoritäre Garten“ lag als Präsent auf dem Geburtstagstisch. Nun kann ich mich zwar nicht daran erinnern, der heimischen Pflanzenwelt jemals zu herrisch entgegengetreten zu sein. Oft genug konnte sich ein Unkraut vor meinen suchenden Blicken wegducken. Mag sein, dass ich zu faul war, mich zu bücken. Oder: Mann hatte Rücken.

Unkraut ist ja ohnehin ein Un-Wort. Eine schöne Wortschöpfung benennt es deshalb als „spontane Begleitvegetation“. Es taucht ja tatsächlich immer genau da auf, wo man gerade ein Beet vermeintlich so schön neu gestaltet hat. Wir werden es jetzt mal Wildkraut nennen und benehmen uns neuerdings antiautoritär-duldsam, weil wir nun wissen, dass Gärten „immer in Bewegung“ sind.

„Man lässt also den Zöglingen viel Freiraum und greift ein, wenn sie zu vorlaut werden.“Andreas Kathe, Journalist

Unserem statischen Alltag – nicht nur dem Virus geschuldet – werden wir mit großer Toleranz das ungezähmte Wildkraut-Leben entgegenstellen. Morgens, mittags, abends also genau beobachten, wo sich das zarte Grün eines Natternkopfes zur Sonne streckt, wo sich die Königskerze breit machen will, Distel, Löwenzahn und Schachtelhalm sprießen. Ja, das Leben kann so entspannend sein und philosophisch leicht: „Handle nicht – und doch bleibt nichts ungetan.“

„Handle nicht“ ist allerdings eine Maxime, die sich über einen längeren Zeitraum vielleicht im virtuellen, nie aber im wirklichen Leben umsetzen lässt. Gut zu wissen, dass das wahre Antiautoritäre sich ja auch nicht im absoluten Nichtstun manifestiert, sondern gewissermaßen in einem „sowohl-als-auch“-Handeln. Man lässt also den Zöglingen viel Freiraum und greift ein, wenn sie zu vorlaut werden.

Womit wir wieder beim Anfangsproblem wären: Giersch. Natürlich hat dieses Wildkraut Vorzüge. Man kann die Blätter ähnlich wie Spinat zubereiten und essen. Vielen Menschen hat es während der verheerenden Weltkriege sogar das Leben gerettet. Diese Pflanze fanden sie an jeder Straßenecke. Und da darf sie auch gerne bleiben.

Im eigenen Garten gilt dagegen  nun eine bedingte Duldsamkeit, quasi eine milde Form des autoritären Eingriffs. Man kann es so umschreiben: Was wir sehen, kommt weg. Was wir nicht sehen – tschakka. Es muss in diesem handfesten Leben auch künftig die Chance bleiben, den „grünen Daumen“ zu schrubben.


Zur Person:

  • Der Journalist Andreas Kathe lebt in Dinklage. Lange Jahre war er Redakteur und Redaktionsleiter der OV.
  • Den Autor erreichen Sie
 unter: info@ov-online.de

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