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"Der Himmel über Berlin" ... an der Hauswand

Die Jahreskarte fürs Programmkino: vorläufig aufs Eis gelegt. Zum Glück hat sich ein Berliner Künstlerkollektiv dazu entschlossen, zumindest etwas Leben in die Kinowelt zu bringen.

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Der Film The Artist“ wird in einem Hinterhof im Berliner Stadtteil Wedding gezeigt. Foto: Joris van Velzen

Der Film The Artist“ wird in einem Hinterhof im Berliner Stadtteil Wedding gezeigt. Foto: Joris van Velzen

Die Idee: In vielen Hinterhöfen der Hauptstadt gibt es kahle Wände, die sich als Projektionsfläche eignen. Und so kommt seit Mitte April das Kino zu den Bewohnern, inklusive Popcorn. Bewerben können sich Mieter oder Hausgemeinschaften mit einem Innenhof und geeigneter Fassade. Und mindestens 20 Wohneinheiten sollte es im Haus schon geben.

Eine Handvoll Filme stehen zur Auswahl: Neben dem Wim-Wenders-Klassiker “Der Himmel über Berlin” unter anderem auch “Shaun das Schaf”, “Cleo” und “Goodbye Lenin!”. Wir bewerben uns mit einem Foto unseres Hinterhofs und schon wenige Tage später gibt es eine positive Antwort: “Das sieht gut aus! Wann sollen wir vorbeikommen? Und welchen Film sollen wir mitbringen?”.

Nachbarn werden mit Flyern informiert

Wir entscheiden uns für den Oscar-prämierten Film “The Artist”, eine Hommage an das klassische Stummfilmkino. Der mit orchestraler Musik unterlegte Schwarzweißfilm eignet sich gut für unsere Hinterhofwand. Aber wie ist es mit den Nachbarn? Sie werden zwar im Vorfeld per Flyer informiert, aber wollen sie so etwas überhaupt? Oder fühlen sie sich durch die „Lichtverschmutzung“ im Innenhof gestört?

Der Hausmeister gibt grünes Licht: „Das wird schon gut werden!“. Schließlich gibt es in unserer Nachbarschaft im Wedding keine erkennbare „Schwabisierung“ wie am Prenzlauer Berg.

Vorbereitung der Film- und Tontechnik im Hausflur. Fotograf: Martin von den Driesch.Vorbereitung der Film- und Tontechnik im Hausflur. Fotograf: Martin von den Driesch.

Um 20.30 Uhr setzt langsam die Dämmerung ein. Werbung gibt es keine, dafür eine Grußbotschaft von Wim Wenders. Der daran erinnert, wie die Coronakrise den gesamten Kreativsektor bedroht und zur Teilnahme am Crowdfunding-Projekt “Fortsetzung folgt” aufruft - eine Initiative der Berliner Programmkinos.

Gegen 21 Uhr wird es ruhig im Hinterhof: Der Hauptfilm startet. Er erzählt die Geschichte eines Schauspielers in den 1920er Jahren, der mit dem Wechsel vom Stumm- zum Tonfilm nicht klarkommt, dann in Vergessenheit gerät, und sich vor lauter Gram das Leben nehmen will. Aber schließlich gibt es doch ein Happy End. Guckt überhaupt jemand zu? Man kann kaum Nachbarn erkennen, so dunkel ist es inzwischen schon. Doch als der Abspann läuft, wird von verschiedenen Balkonen geklatscht.

Zur Person:

  • Der Autor Martin von den Driesch lebt in Berlin. Der Fotograf und Journalist stammt aus Damme.

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