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Die ersten Klänge sorgen für Gänsehaut

Heinrich Engelmann aus Vechta restauriert eine Schwarzwälder Flötenuhr. Die Arbeit kostet Zeit und Nerven. Etwa 200 Arbeitsstunden wird der Tüftler wohl in die Restauration investieren.

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Das Werk ist fast vollbracht: Rentner Heinrich Engelmann aus Vechta restauriert in diesem Frühjahr eine Schwarzwälder Flötenuhr in großer Ausgabe. Foto: Speckmann

Das Werk ist fast vollbracht: Rentner Heinrich Engelmann aus Vechta restauriert in diesem Frühjahr eine Schwarzwälder Flötenuhr in großer Ausgabe. Foto: Speckmann

Heinrich Engelmann hat gute Arbeit geleistet, aber richtig zufrieden ist er noch nicht. Er runzelt die Stirn, während er die Uhr ins Licht hält. Die Emailleschicht auf dem Ziffernblatt weist kleine Risse auf. So soll das nicht bleiben. Eine Ersatzscheibe aus Eisen hat er zwar zur Hand, aber hier gefallen ihm die römischen Zahlen nicht. Die Abstände sind zu groß. Das entspricht nicht ganz dem Original. Da wird der Rentner wohl noch einmal auf dem Teilemarkt aktiv werden.

Der 74-jährige Vechtaer restauriert in diesem Frühjahr eine Schwarzwälder Flötenuhr, wohlgemerkt in großer Ausgabe. Das wird gleich auf den ersten Blick deutlich. Der Kasten nimmt fast den ganzen Tisch in der Werkstatt an der Füchteler Straße ein. "Die Uhr habe ich früher von einem Sammler in Bremen gekauft. Sie hat zehn Jahre auf meinem Dachboden gelegen", berichtet Engelmann. Dass er sich ausgerechnet jetzt dazu entschlossen hat, die aufwendige Instandsetzung in Angriff zu nehmen, hängt mit der Corona-Krise zusammen. Das Singen im Madrigalchor findet nicht statt, und auch sonst muss der Rentner auf viele gewohnte Beschäftigungen verzichten.

Flötenuhr soll aus dem Jahr 1858 stammen

In seiner bestens ausgestatteten Werkstatt hat der einst selbstständige Malermeister schon so manch verstaubtem Schatz wieder neues Leben eingehaucht. Davon zeugt seine äußerst sehenswerte Sammlung an Uhren und Spielwerken aus ganz Europa. Fast 300 Stück, alle mindestens 100 Jahre alt, mögen es wohl sein, schätzt Engelmann und fügt schmunzelnd hinzu: "Ich kenne jedes Teil in- und auswendig."

Die Erfahrung in der Restauration kommt dem Vechtaer jetzt auch bei der Schwarzwälder Flötenuhr zugute. Sie soll aus dem Jahr 1858 stammen. Das hat der Fachmann anhand der typischen Kastenbauweise recherchiert. Ein wesentlicher Bestandteil des Innenlebens sind zwei Register, 68 Pfeifen und 34 Töne. Wenn die Uhr zur vollen Stunde schlägt, setzt sich der Mechanismus in Gang und sorgt über eine austauschbare Walze für das klingende Spiel.

Als Kind entwickelte er die Leidenschaft zum Tüfteln

Doch um in den Musikgenuss zu kommen, muss Engelmann viel Vorarbeit an dem Werk leisten. "Das war im Grunde genommen Schrott", erzählt der 74-Jährige. Den verrosteten Walzenschlitten habe er komplett erneuert. Auch die präzise Instandsetzung der Ventile habe ihn einige Nerven gekostet. Doch technische Herausforderungen hat Engelmann noch nie gescheut. Schon in seiner Kindheit entwickelte sich die Leidenschaft zum Tüfteln. "Damals habe ich Seifenkisten gebaut", schmunzelt der Rentner. In seinem späteren Berufsleben hat sich der Malermeister dann weitere Fertigkeiten angeeignet, sei es in der Holzbearbeitung, Mechanik oder Uhrmacherei.

Die Stunde für dieses Hobby schlug buchstäblich im Jahr 1980, als der Familienvater eine defekte Küchenuhr zum Laufen bringen wollte. Das gute Stück war mehr als 100 Jahre alt, doch ein Restaurator nur schwer zu finden. Also sagte sich der Vechtaer: "Jetzt versuchst du es selbst." Nach der erfolgreichen Premiere vertiefte sich Engelmann in die Materie, die Arbeiten nahmen immer größere Ausmaße an.

Mechanischer Antrieb: Alles läuft wie am Schnürchen. Foto: SpeckmannMechanischer Antrieb: Alles läuft wie am Schnürchen. Foto: Speckmann

Der Reiz an seinem aktuellen Projekt liegt auch in der Erneuerung der Pfeifen. Die alten Stäbe seien vom Holzwurm zerfressen gewesen, berichtet Engelmann. Aus einer Fabrik habe er sich extra Bergfichte besorgt und mit Birnbaum verleimt. Ganz billig sei das Material nicht gewesen. Nun müsse das Holz noch gebeizt werden. Außerdem fehlen vier Basspfeifen. "Sie geben den Background", sagt er.

Funktionstüchtig ist die Flötenuhr aber schon jetzt, wie der Vechtaer nach anfänglichen Startschwierigkeiten feststellt. Als die Musik zum ersten Mal erklungen sei, habe er Gänsehaut bekommen. Denn er habe vorher nicht gewusst, welche Melodien sich auf den beiden altertümlichen Tonträgern befinden. Jede Walze verfügt über neun Stücke, darunter ein bekanntes Kirchenlied: "Lobet den Herrn".

200 Arbeitsstunden wird die Restauration verschlingen

Das Klangerlebnis ist für Engelmann eine zusätzliche Motivation, um auch die restlichen Arbeiten an dem historischen Werk fertigzustellen. Am Ende wird das Projekt wohl gut und gerne 200 Arbeitsstunden verschlingen. "Man muss schon viel Geduld haben", erklärt der nimmermüde Rentner. Dann schielt er durch die Werkstatttür in den Flur. Dort steht eine gut zwei Meter hohe Standuhr aus Dänemark. Ihr fehlen gleich mehrere Teile. Langeweile dürfte in der nächsten Zeit also nicht aufkommen, Corona hin oder her.

Historischer Tonträger: Auf den beiden austauschbaren Walzen des Baukastens befinden sich winzige Metallstifte. Foto: SpeckmannHistorischer Tonträger: Auf den beiden austauschbaren Walzen des Baukastens befinden sich winzige Metallstifte. Foto: Speckmann

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