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In Bünne kommt Corona kaum an

Claudia Meyer-Scott arbeitet seit 25 Jahren in London. In der Corona-Pandemie bewährt sich das Dorfleben, meint die Wirtstochter. Gut also, dass die Bünnerin aktuell in ihrer deutschen Heimat ist.

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Mit Lebensfreude: Claudia Meyer-Scott in ihrem neuen Haus in Bünne. Foto: Ebert

Mit Lebensfreude: Claudia Meyer-Scott in ihrem neuen Haus in Bünne. Foto: Ebert

Eine Frau zwischen den Welten: Man könnte meinen, das ist Claudia Meyer-Scott. Zur Hälfte Unternehmerin in London, zur Hälfte Tochter, Tante und aktives Mitglied der Bünner Dorfgemeinschaft.

Doch zerrissen zwischen Deutschland und Großbritannien wirkt Meyer-Scott nicht, im Gegenteil. Eher wie eine souveräne Wanderin zwischen den Welten. Und doch ist sie froh, dass sie während der Corona-Pandemie in ihrer deutschen Heimat ist.

Dass aus Meyer-Scott einmal eine erfolgreiche Unternehmerin in der britischen Hauptstadt werden würde, war ihr nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Als Tochter von Gastwirten wuchs sie mit ihren Geschwistern in der zu Dinklage gehörenden Bauerschaft Bünne auf.

Ganz weg war Claudia Meyer-Scott nie

Nach der Schule machte sie eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. In dem Beruf arbeitete sie dann auch in Köln, Stuttgart und dem schottischen St. Andrews. Als sie dann ihren späteren Mann Barry Scott, einen in Osnabrück stationierten britischen Soldaten, kennenlernte, führte ihr Lebensweg sie auf die Insel: zunächst nach Wales, dann nach Guildford, eine Stunde südwestlich vom Piccadilly Circus im Zentrum Londons.

Seit 1996 lebt Meyer-Scott in Großbritannien. Doch den Kontakt in die Heimat hat sie nie verloren. Regelmäßig ist sie nach Hause gereist, wo die Eltern den Gasthof Meyer-Bünne betreiben. 2015 war sie sogar Dinklager Schützenkönigin. Und anlässlich von Familienfesten brachte Meyer-Scott immer wieder Freunde aus Großbritannien nach Bünne. So traf Metropole auf Dorf.

In Deutschland wäre der Lebenslauf undenkbar

Mittlerweile ist Meyer-Scott Unternehmensberaterin, und ihr Weg dorthin war einer, der so allenfalls in Großbritannien oder den USA möglich ist, in Deutschland aber undenkbar erscheint. Als sie auf der Insel angekommen war, versuchte sie sich zunächst auch dort in der Gastronomie, wurde aber nicht richtig zufrieden. 

Wegen ihrer Deutschkenntnisse wurde sie aber von einer Bank als Kreditanalystin angestellt; die Fachkenntnisse erhielt sie in Schulungen. In der Bank engagierte sie sich später im Mitarbeitertraining, und so rutschte sie nach der Trennung von ihrem Mann in die Unternehmensberatung. 2010 gründete sie mit zwei Geschäftspartnern ihr eigenes Beratungsunternehmen, das mittlerweile 120 Mitarbeiter hat. Heute ist Meyer-Scott hier nur noch stille Eigentümerin.

Doch auch wenn in London alles glatt zu laufen schien für die umtriebige Bünnerin: Seit Anfang dieses Jahres trifft man sie wieder häufiger "zuhause" - also in ihrem Heimatdorf an. Konkreter Anlass dafür war, dass ihre Familie einen Bauplatz neben dem Familienbetrieb bekam. Der sollte nicht ungenutzt bleiben.

"Ich bin hier nicht erwünscht."Claudia Meyer-Scott, Unternehmerin, zum Brexit

Doch noch etwas sprach für Deutschland, und hier kommt der 23. Juni 2016 ins Spiel. An diesem Donnerstag sprach eine Mehrheit der Briten sich dafür aus, dass ihr Land die Europäische Union (EU) verlassen soll. 

Meyer-Scott – wie auch viele andere Kontinentaleuropäer und nicht zuletzt zahlreiche Briten – traf diese Entscheidung wie ein Schlag. In ihrem Hinterkopf habe sich seitdem der Gedanke breit gemacht: "Ich bin hier nicht erwünscht", erzählt Meyer-Scott. 

Zwar könne sie manche der Fragen, Nöte und Sorgen der Brexit-Befürworter nachvollziehen, sagt sie. So habe sie auch selbst die zahlenmäßig große Zuwanderung von Osteuropäern nach London wahrgenommen. Trotzdem war das Brexit-Votum für sie eine Entfremdung, das wird im Gespräch deutlich.

Immer noch ein Lebensmittelpunkt: das Gasthaus Meyer-Bünne. Foto: EbertImmer noch ein Lebensmittelpunkt: das Gasthaus Meyer-Bünne. Foto: Ebert

Letztlich aber, so sagt Meyer-Scott, habe diese Entscheidung ihre Rückkehr nach Deutschland nur beschleunigt. Denn ihrem mittlerweile verstorbenen Vater habe sie zugesichert, den Familienbetrieb weiterzuführen. Und dazu steht sie, auch wenn sie momentan noch nicht im Gasthaus mitmischen muss, da ihre umtriebige Mutter Thea den Laden am Laufen hält, wie Meyer-Scott lachend erklärt.

Sie schätzt die Grundidee des britischen Gesundheitssystems

Trotzdem genießt sie die Ruhe in ihrem neuen Haus in Sicht- und Rufweite des Elternhauses. Und: Gerade in Corona-Zeiten ist die Wahl-Londonerin froh, in Deutschland zu sein. Das Krisenmanagement der britischen Regierung ist ihr zu intransparent, zu wenig konkret. Tatsächlich erhält die britische Regierung viel Kritik dafür, zu Beginn der Pandemie in Europa nur zögerlich reagiert zu haben.

Auch mit Blick auf das britische Gesundheitssystem, den National Health Service (NHS), hat Meyer-Scott ihre Bedenken. Das deutsche System hält sie insgesamt für leistungsfähiger, auch wenn sie die Grundidee des britischen NHS würdigt: dass jeder ohne Versichertenkarte kostenlos einen Arzt aufsuchen kann.

Und da sie im elterlichen Gasthof noch nicht benötigt wird, tut sie bisweilen weiterhin das, was sie gut kann: Unternehmen beraten. Dafür hat sie gerade erst wieder eine neue Firma gegründet. So ganz kann Meyer-Scott ihr Leben zwischen London und Bünne wohl noch nicht aufgeben.

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