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Irre Verschwörungstheorien und journalistische Arroganz

Menschen gehen mit dem Glauben an irre Verschwörungstheorien auf die Straße. Das bedarf einer Erklärung. Allerdings: Auch die Reaktion einiger Medien ist bedenklich, meint Autor Oliver Kozlarek

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Der Medienfokus in der Corona-Krise hat sich in den letzten Wochen auf die zunehmenden Proteste gegen die von der Politik verhängten Maßnahmen gerichtet. Unverständnis ruft vor allem die Tatsache hervor, dass viele Menschen dabei durch sehr diffuse Verschwörungstheorien motiviert zu sein scheinen. Die politische Brisanz dieser Thematik lädt sich zusätzlich dadurch auf, dass rechte Gruppen und Parteien die Demonstrationen unterwandern.

Es handelt sich also durchaus um ein erklärungsbedürftiges Phänomen. Trotzdem ist die Reaktion einiger Medien ebenso bedenklich wie das Verhalten und die Einstellungen der Demonstranten selbst. Da ist zum Beispiel Markus Feldenkirchen, der in einem Spiegel-Leitartikel seiner Empörung dadurch meint Ausdruck verschaffen zu müssen, dass er den demonstrierenden Verschwörungstheoretikern vorwirft, sie hätten „chronisch einen an der Waffel“ und seien eher ein „Fall für die Psychiatrie“ als für die Politik.

"Was die Kundgebungen zunächst offenbaren, ist doch die erschreckende Tatsache, dass viele Menschen in unserem Land der Politik nicht trauen und dass sie Wissenschaft und Medien als Kulturen erleben müssen, mit denen sie sich nicht identifizieren."Oliver Kozlarek, 

Verständnisvoller klingt dann schon Nikolaus Blome, wenn er auf dem Spiegel-Portal schreibt, man solle „die Irren“ ernst nehmen, weil ihnen „viele ernst zu nehmende Leute zuhören und bald in Scharen folgen“ könnten.

Aber auch Blome macht keinen Hehl daraus, dass die unheilvollen Manifestationen in der politischen Öffentlichkeit für ihn ein „Rätsel“ bleiben. Für mich ist dieser Mangel an Verständnis selbst skandalös, denn er ist auch Ausdruck einer Arroganz, die Teil des Problems ist. Was die Kundgebungen zunächst offenbaren, ist doch die erschreckende Tatsache, dass viele Menschen in unserem Land der Politik nicht trauen und dass sie Wissenschaft und Medien als Kulturen erleben müssen, mit denen sie sich nicht identifizieren.

Die Bereitschaft, bizarren Verschwörungstheorien anheim zu fallen, müsste uns dann eigentlich zutiefst beunruhigen, denn sie macht sichtbar, wie weit die kulturellen und gesellschaftlichen Gräben sind, die unsere gegenwärtigen Gesellschaften durchziehen. Beunruhigend ist dabei selbstverständlich auch, dass es wieder rechte politische Optionen sind, die diese Situation zu ihrem Vorteil nutzen und gestärkt aus ihr hervorzugehen scheinen.

Nein, Psychiatrie hilft hier nicht weiter. Was wir brauchen, ist seriöse sozial- und kulturwissenschaftliche Forschung, die helfen könnte, zu verstehen, wo, wann und warum sich diese kulturellen Gräben gebildet haben und die hilft, Perspektiven aufzuzeigen, wie sie sich überwinden lassen. Wünschenswert wäre aber auch ein Journalismus, der sich dieser Aufklärungsarbeit anschließt und der sich als Kommunikationsofferte für alle Menschen begreifen will, anstatt die Gräben zwischen den unterschiedlichen Kulturen noch tiefer zu schlagen.


Zur Person:

  • Oliver Kozlarek, Jahrgang 1965, lehrt und forscht an der Fakultät III für Geistesund Kulturwissenschaften der Universität Vechta.
  • Davor war er knapp 20 Jahre Professor Titular an der Universidad Michoacana in Mexiko.

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