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Ach Schatz, lass uns mal essen gehen

Kolumne: Das ganz normale Leben - wobei in Corona-Zeiten der Gang ins Restaurant alles andere als normal ist.

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Selbstverständlich bin ich gehorsamer Staatsbürger. Die Plätze im Restaurant hatte ich ordnungsgemäß zuvor reserviert, den Mundschutz aufgespannt, dahinter ein Lächeln aufgezwungen (das soll auf das jeweilige Gegenüber freundlich-positiv wirken) und die Speisekarte auswendig gelernt. Speckige Menükarten in laminierten Pommesbüchern verbieten sich ja nun allein aus hygienischen Gründen. Den vorzutragenden Wunsch „Wiener Schnitzel mit Pommes“ indes kann man ja auch ganz gut memorieren. Aber vom Kalb, bitte.

Der Kellner empfing uns bereits vor der Eingangstür mit strahlenden Augen, gab sich froh gelaunt und geleitete uns maskiert zum Platz. Meine Adressdaten waren bereits grob erfasst. Da gab sich nur die Anschrift etwas sperrig und passte kaum ins Formular. Was wohnt man auch in einer „Albertus-Magnus-Straße“ mit drei Bindestrichen? Ich sollte in den kommenden Wochen einen spießigen Adress-Stempel mit mir führen, dann wäre der ganze Aufwand blitzschnell erledigt.

Am Tisch gab es zu meinem Erstaunen echte Menükarten zum Anfassen. Die waren ganz einfach auf A4-Papieren schwarz und sauber und ohne Schnickschnack ausgedruckt; so kann man sie jederzeit nach Gebrauch entsorgen, hygienisch einwandfrei. Nun, ich brauchte sie nicht und schwatzte mit dem Wirt, der die eher zurückhaltende Publikumsresonanz auf den Corona-Restaurant-Erlass beklagte. „Wir brauchen mehr Gäste, so geht das nicht weiter“, sprach er und brachte ein herrlich frisch gezapftes Pils, mein erstes seit neun Wochen. Es schmeckte nach Zukunft.

Zwischen Hauptgang und Dessert war Platz für ein Zigarillo. Also: Maske auf, langer Weg nach draußen, ab in die Raucherecke. Da standen, wie üblich, alle Schlauschnacker der Nation und verhöhnten die jeweils aktuellen Corona-Regelungen für Restaurants, Frisöre und Fußpfleger. Schutzmasken seien absoluter Blödsinn, die Maßnahmen völlig übertrieben und die Adresserfassungen in Gaststätten allein aus Datenschutzgründen höchst verwerflich. Ich ärgerte mich und gab zur Strafe kein Feuer.

Allen Vernunftbegabten sei hiermit zugerufen: Geht wieder essen, tragt Euch zähneknirschend in die Listen ein, akzeptiert unter Tränen den Mundschutz – den braucht Ihr ja nur für die Wege zum und vom Tisch. Essen darf man natürlich ohne Maske. Der Wirt wird’s Euch danken. Und der kann zur Stunde jeden Umsatz gebrauchen.

Zur Person

  • Christian Bitter ist Chef der Werbeagentur Bitter & Co. in Calveslage.
  • Er studierte Germanistik und war Leiter der Werbe-Redaktion der OV.

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