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Kontrollierter Einsatz statt Chemiekeule

Pflanzenschutzmittel genießen keinen guten Ruf. Mittlerweile verschwinden immer mehr Wirkstoffe vom Markt. Für die Ackerbauern ist das ein Problem.

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Effektitv, aber umstritten: Christian Lübbe behandelt seine Wintergerste mit Pflanzenschutzmitteln. Foto: Meyer 

Effektitv, aber umstritten: Christian Lübbe behandelt seine Wintergerste mit Pflanzenschutzmitteln. Foto: Meyer 

Christian Lübbe zieht ins Feld. Mit großem Gerät rückt der Landwirt gegen einen winzigen Feind aus. Der Ramularia-Pilz hat eine Vorliebe für Gerstenblätter. Einmal von ihm befallen, sterben sie ab und Lübbes Ernte gerät in Gefahr. Auf seinem Esch solle ihm das nicht passieren, sagt der Essener, während er das Spritzgestänge ausklappt. Fast acht Hektar liegen vor ihm. Dann mal los...

Kaum ein Thema reizt die Öffentlichkeit so sehr wie der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft. Sie gelten als mitverantwortlich für den Artenrückgang und das Bienensterben, wie Bundesumweltministerin Svenja Schulze unlängst in ihrem Bericht zur Lage der Natur feststellte. Immer mehr Wirkstoffe werden daher verboten.  Für das Mittel, das Christian Lübbe gegen den tückischen Pilz einsetzt, läuft die Zulassung Ende des Monats ab. Ob es einen Ersatz geben wird, weiß  er nicht. Ohne Pestizide (gegen Schädlinge), Herbizide (gegen Unkräuter) und Fungizide (gegen Pilze) würde es auf seinen Feldern aber recht mau aussehen, sagt er. „Die Ernten brächen regelrecht ein.“ Auf den Ökolandbau umsteigen möchte Lübbe deshalb nicht. Dort  ist die Liste der erlaubten Wirkstoffe noch kürzer. Lübbe müsste ausschließlich mechanisch gegen Unkräuter vorgehen. Darauf hat er wenig Lust. „Der Aufwand wäre viel größer und ich würde deutlich mehr Kraftstoff verbrauchen.“ Der chemische Pflanzenschutz sei einfach effektiver.

Zum Beweis zieht Lübbe mit einer Einwegspritze eine geringe Menge der weißen Flüssigkeit auf. „Das reicht für einen Quadratmeter. Der Rest ist Wasser“, erklärt er. Der Tank seiner Anbauspritze fasst etwa 1500 Liter. Mit einer Füllung schafft es Lübbe über die gesamte Fläche. „Was da drin ist, kostet rund 500 Euro. Warum sollte ich mehr davon ausbringen, als unbedingt nötig ist?“, fragt er. Auch die Technik sei nicht billig, arbeite dafür aber punktgenau. Damit das so bleibt, muss die Feldspritze alle drei Jahre zum TÜV.

Um Pflanzenschutzmittel kaufen und mit ihnen arbeiten zu dürfen, muss man zwar kein Chemiker sein. Landwirte benötigen aber einen Sachkundenachweis, den sie jedes Jahr erneuern müssen. In Essen büffeln die Bauern gemeinsam unter der Leitung von Klaus Sandbrink, einem Experten der Landwirtschaftskammer. „Er bringt uns im Frühjahr auf den neuesten Stand. Das funktioniert sehr gut“, sagt Lübbe. Dass Pflanzenschutzmittel einen so schlechten Ruf haben, liege auch an der Unkenntnis über ihre Wirkweise glaubt der Bauer. Er denkt dabei an den erbittert geführten Streit um das Herbizid Glyphosat. Landwirte setzen es meist vor der Bestellung ein. „Wenn ich das jetzt hier ausbrächte, würde der gesamte Bestand absterben“, erklärt Lübbe. Nicht alle wüssten das. Die neuen Einschränkungen werden seiner Ansicht nach dazu führen, dass der Maisanbau weiter zunimmt, da Maisfelder nur kurz nach der Einsaat behandelt werden, danach nicht mehr.

Steht hinter seiner Wirtschaftsweise: Christian Lübbe betreibt konventionellen Ackerbau.Steht hinter seiner Wirtschaftsweise: Christian Lübbe betreibt konventionellen Ackerbau.

Insgesamt dreimal ist der Essener mit der Spritze über sein Gerstenfeld gefahren. Im Herbst ging es dem Unkraut an den Kragen, im April war der Zwergrost - ebenfalls ein Pilz - an der Reihe. Mit der Abschlussbehandlung im Mai enden die Pflegearbeiten. Christian Lübbe steigt vom Trecker ab und drückt die Halme prüfend zur Seite. Er ist zufrieden. Das Mittel hat sich gut vernetzt. Sein Getreide dürfte nun bis zur Ernte geschützt sein.

Gespritzt wird meist am frühen Abend, damit die Flüssigkeit nicht gleich wieder verdunstet. Für Lübbe ist es noch aus einem anderen Grund die richtige Zeit. „Ich mag es, bei untergehender Sonne durch mein Feld zu fahren.“ Er stutzt. „Darf ich das noch so sagen?“ Die Umweltdiskussion hat den jungen Landwirt verunsichert. Trotzdem macht er weiter, so wie er es während seiner Ausbildung gelernt hat. Und hofft, dass es für ihn und seinen Berufsstand glimpflicher kommen wird, als an diesem lauen Frühlingsabend für den Blattpilz Ramularia.

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